Sustainable Fashion Matterz

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TEXTILBÜNDNIS: What the German Government is Doing About the Fashion Problem. DE/EN

by Linda Traeger

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Nachdem wir nun von all den schrecklichen Fakten über die Modeindustrie durch Filme, Bücher und Dokumentationen wissen, bin ich doch immer wieder überrascht wie viele von diesen riesen Primak- oder andere Billigmarken-Tüten aus den Läden getragen werden. Wir haben von diversen Unglücken wie dem von Rand Plaza gehört und man sollten annehmen, dass diese zu mehr Aufmerksamkeit gegenüber den Themen Sicherheit und Nachhaltigkeit in der Modewelt führen sollte.

Trotz alledem haben wir nie zuvor so viele Kleidungsstücke gekauft wie heute!¹ Und wusstet ihr, dass Deutschland der zweitgrößte Importeur von Textilien weltweit ist? Und das will schon was heißen.

Für diejenigen unter uns, die sich dann doch vor dem Kauf Gedanken machen und nachhaltig shoppen möchten, stellt sich jedoch die Frage, welcher Marke man denn wirklich trauen kann? Zudem stehen wir dann vor dem großen Label-Dschungel, in dem nicht einmal mehr Experten durchblicken.

Wir sind uns über die Machenschaften der Fast Fashion Läden, die zu Unglücken wie dem im Rand Plaza und Ali Enterprises führen und ihre negativen Auswirkungen auf die Umwelt bewusst. Aber warum wird immer noch ungehalten weiter in diesen Länden gekauft? Das ist ähnlich mit dem Fleischkonsum, dessen ethisch fragwürdige Produktion man sich sehr wohl bewusst ist, jedoch gerne mal Verdrängt wird und dann doch der nächsten Currywurst nicht widerstehen kann.

Durch ausgeklügelte Kampagnen der Marketingabteilungen werden wir in die Versuchung gebracht, zum wilden Kaufen motiviert und können nie genug haben. Aber wenn niemand etwas an seinem Konsumverhalten ändert und die großen Modediscounter sich um die Folgen auf die Umwelt durch ihr Handeln nicht ernsthaft kümmern, vielleicht ist hier eine Kontrolle im politischen Sinne gefragt.

Hi, ich bin Linda und habe mich intensiv für meine Bachelorarbeit mit der Nachhaltigkeit der deutschen Textilindustrie auseinander gesetzt und in diesem Kontext mir vor allem das ‚Textilbündnis’ näher angeschaut. Ihr habt noch nie davon gehört? Hier sind die wichtigsten Facts, die ihr dazu wissen solltet:

Wenn man zu dem Thema des staatlichen Monitoring in der Branche recherchiert findet sich schnell viel Material über das deutsche ‚Textilbündnis’ oder auch ‚Bündnis für nachhaltige Textilien‘. Die Multi-Stakeholder Initiative wurde 2014 vom Bundesentwicklungsminister Gerd Müller gegründet. Mit der Bezeichnung ‚Multi-Stakeholder Initiative‘ ist hier gemeint, dass alle relevanten staatlichen und nichtstaatlichen Akteursgruppen wie: Bundesregierung, Wirtschaft, NGO´s, Standardorganisationen und Gewerkschaften, mit 150 Repräsentanten zusammenkommen, um in einem öffentlichen Partizipationsprozess innovative Lösungen zu den komplexen Problemstellungen der Textilindustrie zu finden. Ihr Ziel ist es dabei die „sozialen, ökologischen und ökonomische Verbesserungen entlang der gesamten Textilen Lieferkette zu erreichen“

Das hört sich zunächst nach einer ganz großartigen Möglichkeit an, in gemeinsamer Arbeit aller Interessengruppen, Verbesserungen für Arbeiter und Umwelt bis in die Produktionsländern spürbar umzusetzen. Eine Teilnahme an der Initiative bietet daher den großen Brands wie Primark, KiK und Adidas die Möglichkeit Verantwortung für die Auswirkungen ihres Handelns zu übernehmen.

Alle Mitglieder des Textilbündnisses sind dazu verpflichtet eine sogenannte Roadmap mit messbaren Zielen zu entwickeln. In spezialisierten Arbeitsgruppen werden Umwelt und Sozialstandards entwickelt, welche für die gesamte Wertschöpfungskette von der Rohstoffgewinnung bis hin zur Produktion gelten sollen.² Die Umsetzung der Bündnisziele durch Maßnahmen werden dann an einem großen runden Tisch vom Steuerungskreis getroffen. Dieser setzt sich aus den 12 Repräsentanten aller Stakeholdergruppen und dem Initiator Minister Müller zusammen. Es wird über die wichtigsten Problemfelder entschieden. Zum Beispiel über Themen wie dem Einsatz von Chemikalien, Arbeitssicherheit, existenzsichernde Löhne und Korruption.⁸

Es ist wirklich verrückt, sich vorzustellen, dass eine vorbelastete Billigmodekette wie KiK mit diversen NGO´s wie FEMNET e.V. und INKOTA-netzwerk e.V. an einem Tisch sitzt und versucht die gemeinsam definierten Bündnisziele umzusetzen. Eine sehr fortschrittliche Governance Struktur wie ich finde! Um diese Bündnisziele auch umzusetzen entwickelt jedes Mitglied seine eigenen Roadmap, also eine Art Fahrplan, mit Individuellen Zielen, damit diese transparent, nachvollziehbar und vergleichbar dargestellt werden.⁵

Natürlich ist dieser Prozess weitaus komplexer und komplizierter als er hier dargestellt wird. Zusammengefasst könnte man die Initiative als eine art Lernplattform beschreiben, die den Mitgliedern die Möglichkeit gibt mit Hilfe von Best-Practice Beispielen voneinander zu lernen und gemeinsam durch eine interdisziplinäre Zusammenarbeit umsetzbare Lösungen für die zahlreichen Probleme in den Produktionsländern zu finden.

Die Frage ist jedoch, welchen Einfluss hat das Bündnis auf uns als Konsumenten?

Um den nachhaltigen Handel zu unterstützen hat die Bundesregierung die Internetplattform siegelklarheit.de mit passender App entwickelt. Sie soll uns einen Guide durch den Siegel-Dschungel bieten und uns Verbraucher zum bewussten Kauf von nachhaltigen Produkten zu bestärken. Anhand von ausgewählten Produktgruppen werden die einzelnen Zertifikate mit Stimmungs-Smileys klassifiziert. - Eine nette Idee, jedoch in der praxis nicht sehr nutzerfreundlich, wenn man sich mit dem Thema nicht tiefgreifend auseinandersetzt und eine abschließende Bewertung fehlt leider auch. Also sollte man sich doch wieder intensiver mit dem Thema selber auseinander setzen.

Vielleicht ist es ein verrückter Gedanke, aber ich könnte mir gut vorstellen, dass Großkonzerne wie KiK und H&M nicht unbedingt in das Bündnis eingetreten sind, um für die Rechte ihrer Arbeiter aufzustehen oder für den Schutz der Umwelt in den Ländern, in denen sie produzieren, einzutreten. Hierzu möchte ich das Stichwort ‚Greenwashing’ erwähnen. Die Gründung der Initiative scheint ein guter Schritt in die richtige Richtung, sie könnte jedoch auch ein weiteres Greenwashing-Projekt sein, mit der sich die Global Player schmücken können.

Am Anfang wurden die Bündnisziele seitens der Wirtschaft für zu ambitioniert und unrealistisch erklärt. Eine ‚komplette Überwachung auf allen Stufen der Produktion‘ sein unmöglich.¹° Tja, wer zu viele Subunternehmer beschäftigt, der verliert auch schnell mal den Überblick. Jedenfalls sah sich auf Grund der Kritik und der Gefahr, dass die wichtigsten Unternehmen abzuspringen drohten, Minister Müller gezwungen, die aufgestellten Maßnahmen und die damit verbundenen Zeitziele zu lockern.³

Aber welche Ergebnisse können denn bis heute verzeichnet werden?

Fast vier Jahre sind vergangen nach dem das Textilbündnis gegründet wurde. Wie auf der Homepage zu lesen ist, sind bis heute 150 Mitglieder beigetreten, die zusammengenommen 55 Prozent des Marktes abdecken. Zum Ziel haben sie sich gesetzt im nächsten Jahr bis zu 75 Prozent zu wachsen und die zu erreichenden, individuellen Zielsetzungen in Form von Roadmaps, die bis jetzt noch freiwillig sind, werden dann verpflichtend für alle Mitglieder sein. Bis dahin wird es von allen Mitgliedern eine Roadmap in Form von einem hübschen PDF mit festgelegten Zielen für die nächsten Jahre geben, die auf der Homepage veröffentlicht wird, bzw. welche jetzt schon zum Teil online zu lesen sind.⁹

In Form von  verheißungsvollen ‚Bündnisinitativen‘ in den Produktionsländern wird das gemeinsame Engagement umgesetzt. Sie beschäftigen sich mit den Verbesserungen der Arbeitsbedingungen in Indien oder mit dem der Verbesserung des Wassermangements in Baumwollanbaugebieten in Pakistan.⁴

Bis hier hin schon mal ein optimistischer sowie erfolgversprechender Ausblick. Jedoch mangelt es leider noch an wirksamen Sanktionen für den Fall, dass ein Mitglied nicht transparent genug Arbeitet oder seine Ziele nicht erreichen sollte. Es ist ein freiwilliges Bündnis. Und einer der größten Kritikpunkte seitens der NGO´s. Sie fordern eine gesetzliche Verpflichtung, um substanzielle Verbesserungen zu erreichen.⁷ Was offensichtlich fehlt ist eine wirkliche Motivation etwas an ihrer Produktion verändern zu wollen für die Einflussreichsten Konzerne am Markt. Denn das heißt der Beitritt ist vorerst ein Geschäft für die CSR Reputation eines Unternehmens.

Nichts desto trotz ist dieses Projekt meiner Meinung nach das erste dieser Art, welches diese komplexen Problemstellungen der Modewelt in den politischen Diskurs trägt und alle beteiligten Stakeholder involviert werden. Etwas weiter geschaut, übernimmt Deutschland mit damit Verantwortung als einer der größten Textilabnehmer der Welt. Als für jeden einzelnen von uns. Auch hinsichtlich der Agenda 2020 für eine nachhaltige Entwicklung ist die multi-stakeholder initiative ein problemlösende Anspruch. Wenn wir uns das kapitalistische System anschauen benötigen wir offensichtlich eine Kooperation zwischen Politik UND Wirtschaft. Denn für die Konsumenten gibt es vorerst keinen guten Grund ihre Gewohnheiten zu ändern, wenn sie mit wunderschöner Werbung für 5€ T-shirts gelockt werden.

Es geht um die gemeinsame Macht der Anspruchsgruppen, in Form eines Partizipationsprozesses der Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Dort sitzt ein riesen Potential an diesem runden Tisch! Wir werden das Textilbündnis auch in der Zukunft gespannt beobachten und hoffen auf einen großen positiven Einfluss auf die Textilindustrie!


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After knowing all the cruel facts about the fashion industry I am still surprised about the huge bags from Primark and co. people are still carrying from the stores. We never bought this many  garments before in the history. And did you know that Germany is the second largest importer of textiles?¹. For those of us who care about buying responsible the problem is: Can we trust the brands? And then we have this certification-jungle even experts are confused with! We hear about Rana Plaza and the impact on the environment but why do most of us still buy from fast fashion stores? If no one changes, and the brands don´t care about the impact they have on the environment by rubbing all this great marketing and advertising in our faces to make us buy more and more to push capitalism forward, maybe there is a need to control this with a political system

Hey guys I´m Linda and I had some research to do for my bachelor thesis and I took a closer look at the German Textil Bündniss (what the government is doing about this). Here’s what you need to know about it:

If you do research on governmental monitoring in this field you find the German `Textilbündnis` or `Partnership for sustainable textiles`. The multi-stakeholder initiative was founded in 2014 by the Bundesentwicklungsminister Gerd Müller. Multi-stakeholder initiative means that all important governmental and non-governmental actor groups (German Federal Government, business, NGO´s, standard organizations and unions) with 150 representatives are getting together in a public participation process to find innovative solutions. There goal is to achieve „social, ecological and economic improvements alongside the entire textile supply chain“

When you first hear this it sounds like a great opportunity to help the industry getting more sustainable and a big step finding solutions for the complex issues of the industry. It´s also a way make the big brands like Primark, Adidas and KiK  take responsibility for their actions. All members of the Textilbündnis are committed to build a Roadmap where verifiable targets become gradually more challenging.² They work in specialized groups on particular issues to develop environmental and social standards for the entire value chain from raw material extraction to the production

In the central decision-making group Minister Müller and the 12 representatives from all Stakeholders decide about the top issues like the use of chemicals, work safety, living wages and corruptions.⁸ It´s crazy to imagine that KiK and various NGO´s sitting on one round table to reach the jointly defined Partnership goals. It seems like a really forward looking governance structure.

Every member has to create a roadmap to reach there defined individual goals and make the process transparent, comprehensible and comparable.⁵ Of course this process is way more complicated than it´s described here. All in all the initiative gives an opportunity to show best practice processes on a platform and  learn from each other. The question remains, how does the Bündnis influence us as consumers?

To strengthening the sustainable trade and to empower consumers, the German Government invented the website Siegelklarheit.de. It´s a guide through the jungle of certifications to empower the consumers buying sustainable products. There you can chose a product and get a classification of the individual labels. Nice to have but not user-friendly in the application if you just need some quick informations without searching and comparing labels for every single indicator. I think it´s made for people who are ready to spend intensive time informing themselves about the labels.

Maybe it´s crazy but I could imagine that companies like Kik and H&M didn´t become members to fight for there employee rights or to stand up for more environmental protection. I just wanna mention the small word ´greenwashing´. That initiative sounds like a nice try in the right direction, but it could be one more greenwashing project for the big players to boast with. In the beginning the big companies criticized the ambitious and unrealistic goals -  complete monitoring of all stages of their production. So the Textilbündnis had to loosen their targets and canceled the deadlines to counteract a resignation of the big players.³

The questions is: What are their first results? Do the results already have an impact on the working-conditions and to the environment?

Almost 4 years have past since the initiative was founded. According to the Bündnis source they have won about 150 members and cover 55 percent of the market. In the next year they aim to cover 75 percent and the individual objectives in form of the Roadmaps will become obligatory for all members to publish.⁶ Then you can look up for the Roadmaps of the companies on a nice PDF document to see their individual goals based on indicators and key questions.⁹ Furthermore the Textilbündnis has three Partnership Initiatives in producing counties where they try to improve the working conditions in South India, improving the management of the environment of the textile sector in Asia and the water management in the cotton sector in Pakistan.⁴

At the same time there is nowhere you can read about strict sanctions if the members fail or rather by not achieving their targets. The participation is voluntary for all members. That's one big critic of the NGOs that the only sanction is they have to resign. They call for a legal anchoring.⁷ Obviously what’s missing is the real motivation for the companies with big influence on the market to change their way of acting. Now it´s all about their reputation.

Nevertheless in my personal opinion it´s the first time that the fashion issue got into political discussion. Great thing! Germany takes responsibility as the second biggest importer of textiles worldwide. ² And considering the agenda 2020 in terms of a sustainable development it´s a solution-oriented approach.

Anyway, by thinking of capitalism we see the need of cooperation between business and political actors, obviously, because the costumer will not change their behaviour, if we still have this beautiful advertising for t-shirts that costs 5€.

It´s all about the joined forces of the fields of economy, the civil society and politics in a participative way. There is a lot of potential sitting at this round table. We will observe the Textilbündnis in future and hope for a huge positive impact on the textile industry!

 

All photos ©Cherie Birkner


SOURCES

¹ Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie e.V., 2011, ² Textilbündnis, ³ Zeit Online,  ⁴ Partnership for Sustainable Textiles, ⁵ Aktionsplan, ⁶ Partnership for Sustainable Textiles, ⁷ Ferenschild, Zwischen Gelingen und Scheitern - das Textilbündnis im zweiten Jahr., ⁸ Bündnis für nachhaltige Textilien, ⁹ Textilbündnis, ¹°Tagesspiegel